Das freie Wort

von Amelie Fried

Durch die Anschläge von Paris ist uns der Wert der Meinungsfreiheit auf schmerzliche Weise bewusst geworden. Wir Referenten leben davon, dass wir – neben sorgfältig recherchierten Fakten – unsere Meinungen und Thesen frei formulieren können. Das trifft auch auf Journalisten, Autoren, Wissenschaftler und Politiker zu, und letztlich auf jeden Bürger unseres Landes. Denn wo es keine freie Rede gibt, da gibt es keine Demokratie.
Zu dieser Meinungsfreiheit gehört, dass man andere Meinungen zulässt, auch wenn es nicht die eigenen sind. Manchmal lese oder höre ich Ausführungen, bei denen mir die Haare zu Berge stehen. So lange es aber keine widerlegbaren Falschbehauptungen oder Äußerungen sind, die einen Straftatbestand erfüllen, muss ich das – wie wir alle – zähneknirschend hinnehmen. Die Freiheit, Meinung zu äußern, beinhaltet auch die Freiheit, Blödsinn zu verzapfen. Da halte ich es mit dem französischen Philosophen Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“
So habe ich zum Beispiel ein Problem mit den Demonstranten von Pegida und ihren Ablegern, weil deren Kundgebungen von Neo-Nazis durchsetzt sind. Zuletzt wurde in München unter 200 polizeibekannten Neo-Nazis sogar ein Angeklagter im NSU-Prozess gesichtet. Obwohl ich das widerlich finde, bin ich der Meinung, dass man diese Kundgebungen zulassen muss. Meinungsfreiheit ist nicht teilbar, und unsere Demokratie muss es aushalten, dass auch die Dumpfbacken auf die Straße gehen. Diejenigen, die dort mitlaufen, obwohl sie angeblich nur „besorgte Bürger aus der Mittelschicht“ sind, müssen sich aber eines klarmachen: Wer gemeinsam mit Neo-Nazis marschiert, diskreditiert sich und sein (vielleicht sogar berechtigtes) Anliegen.